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Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, Dortmund.

Die Produktvielfalt bestimmt das moderne Lager



Dr.-Ing. Volker Heidenblut

Die Planung eines Lagers oder Logistikzentrums ist schwieriger geworden. Einerseits sollen in Produktionslagern Bestände weiter abgebaut werden, andererseits erfordern Atomisierung der Aufträge und Erweiterung von Artikelspektren höhere Lagerkapazitäten und -leistungen. Armin Hille, freier Fachjournalist, sprach mit Dr. Volker Heidenblut, Planer und Berater aus Dortmund.

DVZ 21.10.2003

Herr Dr. Heidenblut, brauchen wir in Zukunft noch Lager?

Heidenblut: Auch wenn sich die Lagerstrategien fortlaufend verbessern, hinsichtlich Mengen, Sorten und Zeitpunkten werden stets Disproportionalitäten bestehen, so dass auch in Zukunft auf das Lager nie ganz verzichtet werden kann. Überspitzt könnte man sagen, dass sich alle guten oder schlechten Entscheidungen eines Unternehmens in den Lagerbeständen spiegeln. Nur wenn Produktion und Vertrieb gut zusammenarbeiten, lassen sich Lager verkleinern. Das Lager ist nicht die Stellschraube. Die Stellschrauben sind die Produktion, die Kunden und die Produkte. Das Lager ist immer nur Teil einer Supply Chain mit Kommissionierung, Bereitstellung und Wareneingang.

Unter welchen Prämissen werden heute Lager geplant?

Heidenblut: Während bei früheren Projekten die Mengen im Vordergrund standen, ist es heute die Produktvielfalt. Außer neuen Artikeln können heute allein durch die Berücksichtigung von Produktionschargen aus einem Artikel physisch unterschiedliche Artikel entstehen. Hinzu kommen die Forderungen nach Mindesthaltbarkeitsdaten (MHD), speziellen Verpackungen und ausländischen Bezeichnungen. Wenn dies alles bestandsmäßig geführte Artikel sein sollen, weitet sich das Artikelspektrum erheblich aus. In der Regel müssen dadurch auch mehr C-Artikel gelagert werden, was die Umschlagsrate über alle Teilegruppenbetrachtet verschlechtert.

Was bedeutet das für die Kommissionierung?

Heidenblut: Die Zahl der zu kommissionieren den Aufträge wird durch die Atomisierung der Bestellungen auch in Zukunft weiter zunehmen. Einerseits wird die Zahl der Positionen pro Auftrag geringer, andererseits wird aber auch die Stückmenge pro Position reduziert. So kann beispielsweise eine Absatzsteigerung von 20 Prozent in den nächsten fünf Jahren zu einem um 70 Prozent höheren Kommissionieraufwand führen. Während die reine Vorratshaltung planerisch kein Thema mehr ist, liegen die Planungsschwerpunkte heute und auch künftig in der Kommissionierung. Die Qualität der Planung hängt entscheidend davon ab, inwieweit die künftige Artikel- und Prozessstruktur bekannt ist oder zumindest abgeschätzt werden kann.

Wie erhält man die benötigten Daten?

Heidenblut: Hilfreich und vielfach praktiziert ist eine gut dokumentierte Vergangenheit mit Prognostizierung auf die nahe Zukunft sowie eine intelligente Prozessdatenauswertung der bisherigen internen und externen Vorgänge. Zudem müssen Vertrieb und Marketing die künftige Entwicklung des Kundenverhaltens abschätzen beziehungsweise hochrechnen. Wenn sich Daten aus Datenbeständen herausfiltern lassen, sind sie auf einen Planungshorizont zu extrapolieren. Trotzdem gibt es immer Bereiche, die mit Schätzwerten abgedeckt werden müssen. Entscheidend ist die Differenzierung der Prognose. Die konkrete Planung für Mengen und Funktionen bezieht sich in der Regel auf die nächsten fünf Jahre. Hinsichtlich der weiteren Entwicklungsperspektiven sollte der Blickwinkel bei etwa 10 Jahren liegen.

Wie planen Sie Prozesssicherheit?

Heidenblut: Die Prozesse sind sehr vielfältig geworden und müssen trotz der sich ändernden Kundenwünsche, der größeren Volumina und Auftragsvielfaltbeherrscht werden und durchgängig transparent sein. Bei der Planung ist deshalb zu berücksichtigen, dass alle Abläufe und Geschäftsprozesse auf der Rechnerebene hinterlegt und dokumentiert werden können, beispielsweise durch Geschäftsprozess?Darstellungen per CAD auf dem Computer. Ferner durch Animation, Simulation, Berechnungsprogramme und prozessdarstellende Flowcharts. Die Geschäftsprozesse müssen so geplant werden, dass jeder genaue Anweisungen abrufen kann. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Kommissionierer auf Grund der Artikelvielfalt kaum noch über Produktkenntnisse verfügen, sondern die Prozesse kennen müssen. Prozesse sind ferner so sicher zu gestalten, dass man auch mit Aushilfskräften arbeiten kann. Letztlich setzt man immer mehr EDV ein und schult die Mitarbeiter entsprechend.

Was kann Simulation zur Planungssicherheit beitragen?

Heidenblut: Simulation ist ein umfassendes Werkzeug und kann die Planung weitgehend unterstützen und absichern. Entscheidend ist jedoch, dass der künftige Lagerbetreiber sich in die späteren Situationen hineinversetzt und vorher ermittelt, welche Mengen mit welchen Schwankungen und welchen Leistungen zu erwarten sind. Eine genaue Betrachtung der einzelnen Funktionen ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Simulation.

Wo sehen Sie größere Rationalisierungspotenziale?

Heidenblut: Größere Potenziale bestehen in Ersatzteillagern beispielsweise in der europaweiten Zentralisierung der Lager an Verkehrsknotenpunkten oder in der Nähe von Hauptverkehrsadern. Bestände sowie Personal- und Betriebskosten lassen sich dadurch erheblich reduzieren. Zugleich bietet die europaweite Transportlogistik gleichbleibend hohe Lieferbereitschaft zu niedrigen Kosten. Durch Zentralisierung ändert sich jedoch das gesamte Verkaufsgeschehen der heutigen Distributionsstruktur. Das muss hochgerechnet werden und stimmig sein. Die vielfältige Struktur muss auf einen künftigen Horizont projiziert werden. Darüber hinaus lassen sich Lagerbestände in der Distributionsstruktur durch Cross-Docking verringern. Hingegen verschieben sich Lager- und Distributionsaufgaben mehr und mehr zu den Herstellern und müssen daher nach wie vor größere Lager unterhalten. Nur so können sie auf Kundennachfragen schnell reagieren.

Wer plant heute ein Lager oder Logistikzentrum?

Heidenblut: Hier hat sich ein gewisser Wandel vollzogen. Während früher in der Vorphase unabhängige Berater ein weites Feld abdeckten und auch Teilgewerke einer ganzen Anlage einzeln vergeben wurden, wird dies heute gerade bei größeren Projekten vielfach nicht mehr vorgenommen. Die Vielzahl der Elemente und Gewerke lässt sich nicht mehr aus Einzelgewerken zu einer komplexen funktionsfähigen Gesamtheit zusammenfügen. Deshalb wendet sich der fachkundige Logistiker, der sich im Laufe der Zeit etabliert hat, heute mit einem Lastenheft gleich an einen Generalunternehmer. Diese vergrößern ihre Planungsabteilungen und können so den Markt im Vorfeld öffnen. Auch OutsourcingDienstleister unterhalten Planungsabteilungen, um kundennah bis hin zur Finanzierung, schnell und umfassend Angebote erstellen zu können.


HINTERGRUND
Die Kapitalbindung im Lager ist nach wie vor hoch. In künftigen Systemen der Produktionslogistik wird die Lagerung weitgehend vermieden: Waren werden direkt von der Produktion aus verteilt. Treiber dieser Entwicklung sind neue Techniken wie die Radiofrequenzidentifikation. Mit effizienten Warehouse-Management-Systemen wird auch das Cross-Docking auf bis zu 90 Prozent zunehmen.

Wenn Software in der Lage ist, bis in die Tiefe des Lagers hinein, aber auch über Partnergrenzen hinweg, Daten auszutauschen, wird dies auch Konsequenzen auf die Lagertechnik und Lagergröße haben. Besonders Lager weltweit agierender Unternehmen müssen ständig neue Rollen übernehmen können, da sich mitunter Regionallager zu Zentrallagern wandeln oder umgekehrt. Mit einem abgestimmten Change-Management müssen sich die Lagerfunktionen, aber auch die Software immer wieder neu an Business-Entscheidungen anpassen lassen.

Der Handel baut durch die Organisation der Logistikketten mit Efficient Consumer Response (ECR) seine Bestände weiter ab und hat eher Bedarf an einer Reorganisation. Auch die Automobilindustrie baut immer weiter Bestände ab. Optimierung der Beschaffungslogistik. Just-in-time- und Just-in-sequence-Konzepte verkleinern die werkseigenen Lager. Jedoch verschieben sich die Schwerpunkte auf die Kornmissionierung.

Eine Ausnahme dieses Trends findet sich in Branchen, die durchaus reichende beziehungsweise hohe Bestände ihre Lieferbereitschaft sicher stellen wollen, um ihren Vertrieb und damit ihren Geschäftserfolg zu sichern - beispielsweise Ersatzteil-Lieferanten. Entsprechend hoch sind hier die Kapazitätsanforderungen an die Lager.

Von großem Interesse für die weitere Entwicklung der Lagertechnik sind Strategien und Konzepte zur Eurologistik. Es entstehen Eurolager, die mit erhöhten Lagerkapazitäten und besonders mit hohen Kornmissionierkapazitäten einzurichten sind. So erfordern Serviceverbesserungen besonders in der Ersatzteillogistik neue, auf Europa verteilte Zentral- und Regionalläger.

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