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Herr Dr. Heidenblut, brauchen wir in Zukunft noch Lager?
Heidenblut: Auch wenn sich die Lagerstrategien fortlaufend verbessern,
hinsichtlich Mengen, Sorten und Zeitpunkten werden stets Disproportionalitäten
bestehen, so dass auch in Zukunft auf das Lager nie ganz verzichtet werden
kann. Überspitzt könnte man sagen, dass sich alle guten oder
schlechten Entscheidungen eines Unternehmens in den Lagerbeständen
spiegeln. Nur wenn Produktion und Vertrieb gut zusammenarbeiten, lassen
sich Lager verkleinern. Das Lager ist nicht die Stellschraube. Die Stellschrauben
sind die Produktion, die Kunden und die Produkte. Das Lager ist immer
nur Teil einer Supply Chain mit Kommissionierung, Bereitstellung und Wareneingang.
Unter welchen Prämissen werden heute Lager geplant?
Heidenblut: Während bei früheren Projekten die Mengen
im Vordergrund standen, ist es heute die Produktvielfalt. Außer
neuen Artikeln können heute allein durch die Berücksichtigung
von Produktionschargen aus einem Artikel physisch unterschiedliche Artikel
entstehen. Hinzu kommen die Forderungen nach Mindesthaltbarkeitsdaten
(MHD), speziellen Verpackungen und ausländischen Bezeichnungen. Wenn
dies alles bestandsmäßig geführte Artikel sein sollen,
weitet sich das Artikelspektrum erheblich aus. In der Regel müssen
dadurch auch mehr C-Artikel gelagert werden, was die Umschlagsrate über
alle Teilegruppenbetrachtet verschlechtert.
Was bedeutet das für die Kommissionierung?
Heidenblut: Die Zahl der zu kommissionieren den Aufträge
wird durch die Atomisierung der Bestellungen auch in Zukunft weiter zunehmen.
Einerseits wird die Zahl der Positionen pro Auftrag geringer, andererseits
wird aber auch die Stückmenge pro Position reduziert. So kann beispielsweise
eine Absatzsteigerung von 20 Prozent in den nächsten fünf Jahren
zu einem um 70 Prozent höheren Kommissionieraufwand führen.
Während die reine Vorratshaltung planerisch kein Thema mehr ist,
liegen die Planungsschwerpunkte heute und auch künftig in der Kommissionierung.
Die Qualität der Planung hängt entscheidend davon ab, inwieweit
die künftige Artikel- und Prozessstruktur bekannt ist oder zumindest
abgeschätzt werden kann.
Wie erhält man die benötigten Daten?
Heidenblut: Hilfreich und vielfach praktiziert ist eine gut dokumentierte
Vergangenheit mit Prognostizierung auf die nahe Zukunft sowie eine intelligente
Prozessdatenauswertung der bisherigen internen und externen Vorgänge.
Zudem müssen Vertrieb und Marketing die künftige Entwicklung
des Kundenverhaltens abschätzen beziehungsweise hochrechnen. Wenn
sich Daten aus Datenbeständen herausfiltern lassen, sind sie auf
einen Planungshorizont zu extrapolieren. Trotzdem gibt es immer Bereiche,
die mit Schätzwerten abgedeckt werden müssen. Entscheidend ist
die Differenzierung der Prognose. Die konkrete Planung für Mengen
und Funktionen bezieht sich in der Regel auf die nächsten fünf
Jahre. Hinsichtlich der weiteren Entwicklungsperspektiven sollte der Blickwinkel
bei etwa 10 Jahren liegen.
Wie planen Sie Prozesssicherheit?
Heidenblut: Die Prozesse sind sehr vielfältig geworden und
müssen trotz der sich ändernden Kundenwünsche, der größeren
Volumina und Auftragsvielfaltbeherrscht werden und durchgängig transparent
sein. Bei der Planung ist deshalb zu berücksichtigen, dass alle Abläufe
und Geschäftsprozesse auf der Rechnerebene hinterlegt und dokumentiert
werden können, beispielsweise durch Geschäftsprozess?Darstellungen
per CAD auf dem Computer. Ferner durch Animation, Simulation, Berechnungsprogramme
und prozessdarstellende Flowcharts. Die Geschäftsprozesse müssen
so geplant werden, dass jeder genaue Anweisungen abrufen kann. Hierbei
ist zu berücksichtigen, dass Kommissionierer auf Grund der Artikelvielfalt
kaum noch über Produktkenntnisse verfügen, sondern die Prozesse
kennen müssen. Prozesse sind ferner so sicher zu gestalten, dass
man auch mit Aushilfskräften arbeiten kann. Letztlich setzt man immer
mehr EDV ein und schult die Mitarbeiter entsprechend.
Was kann Simulation zur Planungssicherheit beitragen?
Heidenblut: Simulation ist ein umfassendes Werkzeug und kann die
Planung weitgehend unterstützen und absichern. Entscheidend ist jedoch,
dass der künftige Lagerbetreiber sich in die späteren Situationen
hineinversetzt und vorher ermittelt, welche Mengen mit welchen Schwankungen
und welchen Leistungen zu erwarten sind. Eine genaue Betrachtung der einzelnen
Funktionen ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Simulation.
Wo sehen Sie größere Rationalisierungspotenziale?
Heidenblut: Größere Potenziale bestehen in Ersatzteillagern
beispielsweise in der europaweiten Zentralisierung der Lager an Verkehrsknotenpunkten
oder in der Nähe von Hauptverkehrsadern. Bestände sowie Personal-
und Betriebskosten lassen sich dadurch erheblich reduzieren. Zugleich
bietet die europaweite Transportlogistik gleichbleibend hohe Lieferbereitschaft
zu niedrigen Kosten. Durch Zentralisierung ändert sich jedoch das
gesamte Verkaufsgeschehen der heutigen Distributionsstruktur. Das muss
hochgerechnet werden und stimmig sein. Die vielfältige Struktur muss
auf einen künftigen Horizont projiziert werden. Darüber hinaus
lassen sich Lagerbestände in der Distributionsstruktur durch Cross-Docking
verringern. Hingegen verschieben sich Lager- und Distributionsaufgaben
mehr und mehr zu den Herstellern und müssen daher nach wie vor größere
Lager unterhalten. Nur so können sie auf Kundennachfragen schnell
reagieren.
Wer plant heute ein Lager oder Logistikzentrum?
Heidenblut: Hier hat sich ein gewisser Wandel vollzogen. Während
früher in der Vorphase unabhängige Berater ein weites Feld abdeckten
und auch Teilgewerke einer ganzen Anlage einzeln vergeben wurden, wird
dies heute gerade bei größeren Projekten vielfach nicht mehr
vorgenommen. Die Vielzahl der Elemente und Gewerke lässt sich nicht
mehr aus Einzelgewerken zu einer komplexen funktionsfähigen Gesamtheit
zusammenfügen. Deshalb wendet sich der fachkundige Logistiker, der
sich im Laufe der Zeit etabliert hat, heute mit einem Lastenheft gleich
an einen Generalunternehmer. Diese vergrößern ihre Planungsabteilungen
und können so den Markt im Vorfeld öffnen. Auch OutsourcingDienstleister
unterhalten Planungsabteilungen, um kundennah bis hin zur Finanzierung,
schnell und umfassend Angebote erstellen zu können.
HINTERGRUND
Die Kapitalbindung im Lager ist nach wie vor hoch. In künftigen
Systemen der Produktionslogistik wird die Lagerung weitgehend vermieden:
Waren werden direkt von der Produktion aus verteilt. Treiber dieser Entwicklung
sind neue Techniken wie die Radiofrequenzidentifikation. Mit effizienten
Warehouse-Management-Systemen wird auch das Cross-Docking auf bis zu 90
Prozent zunehmen.
Wenn Software in der Lage ist, bis in die Tiefe des Lagers hinein, aber
auch über Partnergrenzen hinweg, Daten auszutauschen, wird dies auch
Konsequenzen auf die Lagertechnik und Lagergröße haben. Besonders
Lager weltweit agierender Unternehmen müssen ständig neue Rollen
übernehmen können, da sich mitunter Regionallager zu Zentrallagern
wandeln oder umgekehrt. Mit einem abgestimmten Change-Management müssen
sich die Lagerfunktionen, aber auch die Software immer wieder neu an Business-Entscheidungen
anpassen lassen.
Der Handel baut durch die Organisation der Logistikketten mit Efficient
Consumer Response (ECR) seine Bestände weiter ab und hat eher Bedarf
an einer Reorganisation. Auch die Automobilindustrie baut immer weiter
Bestände ab. Optimierung der Beschaffungslogistik. Just-in-time-
und Just-in-sequence-Konzepte verkleinern die werkseigenen Lager. Jedoch
verschieben sich die Schwerpunkte auf die Kornmissionierung.
Eine Ausnahme dieses Trends findet sich in Branchen, die durchaus reichende
beziehungsweise hohe Bestände ihre Lieferbereitschaft sicher stellen
wollen, um ihren Vertrieb und damit ihren Geschäftserfolg zu sichern
- beispielsweise Ersatzteil-Lieferanten. Entsprechend hoch sind hier die
Kapazitätsanforderungen an die Lager.
Von großem Interesse für die weitere Entwicklung der Lagertechnik
sind Strategien und Konzepte zur Eurologistik. Es entstehen Eurolager,
die mit erhöhten Lagerkapazitäten und besonders mit hohen Kornmissionierkapazitäten
einzurichten sind. So erfordern Serviceverbesserungen besonders in der
Ersatzteillogistik neue, auf Europa verteilte Zentral- und Regionalläger.
Unternehmens-Portrait
HBP
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