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Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, Dortmund.

Servicegrad und Mehrwert entscheiden



Dipl.-Ing. Karl-Heinz Dullinger

Wer sich im scharfen Wettbewerb auf dem Transportmarkt behaupten will, muss nicht nur die Logistikprozesse perfekt beherrschen. Auch die technische Ausstattung von Lagern und Hubs spielt eine gewichtige Rolle. Worauf es dabei ankommt, erläutert Karl Heinz Dullinger, Geschäftsführer von Vanderlande Industries, im Gespräch mit DVZ-Mitarbeiter Armin Hille.

DVZ 17. Januar 2006 (ben)

Herr Dullinger, die technischen und organisatorischen Anforderungen an zentrale Umschlagbasen der Kep-Branche und der Logistikdienstleister nehmen ständig zu. Wie müssen Hubs künftig gestaltet sein, um den geforderten Leistungen sowie der Sortierqualität und Flexibilität gerecht zu werden?

Entscheidend ist zunächst ein intelligentes Layout, das sowohl den leistungsbestimmenden Parametern als auch den Mehrwertfunktionen in der Systemarchitektur des Hubs Rechnung trägt. Darüber hinaus spielen die Materialfluss-, Sortier- und Ident-Technik sowie die Steuerungs- und IT-Systeme eine wichtige Rolle. Wichtig sind aber auch die Abmessungen der zu sortierenden Güter. Denn Änderungen in den Paket-Abmessungen wirken sich entscheidend auf die Fördertechnik aller Hubs aus, die zum jeweiligen Logistiknetzwerk gehören. Wird dies in der Systemarchitektur nicht von Anfang an berücksichtigt, steigt die Rate der nicht automatisch förder- und sortierbaren Güter dramatisch an.

Warum sind die Mehrwertfunktionen so wichtig?

Logistikdienstleister positionieren sich über die Mehrwertfunktionen beziehungsweise den Servicegrad am Markt. Der Servicegrad definiert sich über wichtige Faktoren wie Zustellgenauigkeit, Geschwindigkeit sowie Abhol- und Liefertermine, aber auch über ein transparentes Tracking & Tracing und die möglichen Paketabmessungen beziehungsweise -gewichte. Darüber hinaus müssen Mehrwertdienstleistungen wie Preisauszeichnung, Aufstell- und Inbetriebnahmeservice sowie die Retourenbearbeitung von Anfang an als Parameter im Hub-System abgebildet sein.

Wie werden diese Funktionen in der Praxis umgesetzt und welche technischen Parameter haben den größten Einfluss auf die Hub-Leistung?

Erheblichen Einfluss auf die Leistung beziehungsweise die Förderfähigkeitsrate der Güter hat die Förder- und Sortiertechnik. Hier bietet der Markt eine Vielzahl von Lösungen: Neben speziell für die Anforderungen in Hubs entwickelten Vertikal-Sortern auf Gurtfördererbasis für die Vorsortierung stehen Linien, Kippschalen- und Quergurt-Sorter zur Wahl. Diese Techniken bieten die Grundlage für die automatisierte Sortierung nahezu aller Güter. Hohe Leistungen bis zu 24 000 Colli pro Stunde bieten beispielsweise Sorter, bei denen zwei oder mehrere Kippelemente bei Bedarf als Einheit angesteuert werden können, um größere Gebinde problemlos zu sortieren.

Gilt das für jedes Produktspektrum?

Je größer die Bandbreite in den Paketabmessungen ist, umso sinnvoller ist der Einsatz eines Sorters mit kleinem Teilungsmaß und variablen Fenstergrößen. Daneben besteht ein Trend zum Quergurt-Sorter, der in Bezug auf das Preis-Leistungs-Verhältnis gegenüber der Kippschale aufgeholt hat und auch sehr empfindliche Güter schonend ausschleusen kann.

Jeder Sorter ist nur so gut wie sein Subsystem. Was müssen diese leisten, um ein Maximum an Durchsatz zu gewährleisten?

Grundsätzlich benötigen alle Sortiersysteme für den einwandfreien Betrieb Subsysteme, die das Sortiergut auf den erforderlichen Mindestabstand bringen. Die Systeme beschicken den Sorter, überprüfen Konturen und Gewichte und verfolgen die Wege des Sortiergutes innerhalb des Hubs. Nicht zuletzt benötigt ein Sortiersystem eine intelligente, prozessunterstützende Steuerung beziehungsweise Programme, die Unternehmen beim Cross Docking oder der Filial-Distribution durchgängig unterstützten.

Welche Vorteile bieten solche Programme?

Sie sorgen in der Regel dafür, dass alle erforderlichen Prozessschritte, zum Beispiel die Depalettierung oder Batch-Bildung, exakt auf die Umschlagbedürfnisse abgestimmt werden. So lässt sich beispielsweise durch warengruppenreine Lieferung sowie die genaue Generierung von Belegen die Arbeit in den Filialen bei der Warenannahme und Verteilung im Geschäft optimieren. Die Fehlerrate verringert sich auf nahezu null Prozent. Außerdem erübrigt sich in den meisten Fällen die Wareneingangskontrolle in einer Filiale.

Die technischen Möglichkeiten innerhalb von Hubs sind bereits heute weit entwickelt. Welche technischen und organisatorischen Entwicklungen könnten trotzdem die Prozesse noch effizienter machen?

Zum einen werden leistungsfähigere IT-Systeme und Wireless-Technologien sowie UMTS und Telematiksysteme noch bessere Möglichkeiten bieten, die Prozesse transparent zu machen. Wird die IT-Struktur des Hubs darüber hinaus an ein übergeordnetes System angebunden, eröffnen sich weitere Optimierungspotenziale. So kann beispielsweise im Cross Docking berücksichtigt werden, wenn ein Lkw mit der Lieferung im Stau steht. Die künftigen Entwicklungen hängen ferner von den Technologie-Treibern, wie der Ident-, Informations- und Materialflusstechnik, ab. In der Materialflusstechnik werden Linearmotoren und die berührungslose Energie und Informationsübertragung künftig an Bedeutung gewinnen. Eine Rolle spielt auch die fortschreitende Miniaturisierung: So setzt UPS verstärkt auf Fingerscanner, die ein Paket beim Greifen direkt erfassen.

Welche Rolle kommt dabei der Radiofrequenzidentifikation (RFID) zu?

Auch aus der RFID-Technik, die sich zunehmend etabliert, werden sich umfangreiche Möglichkeiten ergeben. Mit ihrer Hilfe kann die Ware bereits im Wareneingang vor der Depalettierung erfasst und geprüft werden. Ähnliche Vorteile bringt die RFID-Technik bei der Warenausgangskontrolle. Selbst Temperaturmesswerte lassen sich per Transponder während des Transports speichern und können anschließend ausgewertet werden.

Oft ist die Rede von der Webfähigkeit der erfassten Daten. Heißt das, dass über das Internet auch von außen auf ein System zugegriffen werden kann?

Wettbewerbfähigkeit heißt, dass beispielsweise weltweit von jedem PC aus einzelne Sendungsstatus abgefragt oder Eingriffe ins System vorgenommen werden können. So lässt sich ein Hub bis in seine Einzelkomponenten in ein Supply-Chain-Umfeld einbetten. Probleme werden früh erkannt, so dass rechtzeitig gegengesteuert werden kann.

Wenn alle internen Parameter bei der Hub-Konzeptionberücksichtigt sind, was muss dann noch hinsichtlich der Standortwahl berücksichtigt werden?

Die Standorte für Road-Hubs hängen unmittelbar mit der typischen Zielgruppe für den Dienstleister zusammen. Im B2C-Bereich spielen die Nähe zu den großen Ballungsräumen sowie die optimierte Anbindung und die Reichweite eine Rolle. Im B2B-Bereich ist manchmal ein multimodaler Standort wichtig, der sowohl die Verkehrsträger Straße und Schiene als auch Luft und Wasser berücksichtigt. Ein entscheidender Faktor bleibt natürlich die Nähe zu großen Schlüsselkunden.

Gilt das auch für Air-Hubs?

Die Standorte für Air-Hubs sind im Wesentlichen von den Restriktionen für den Flugverkehr abhängig, beispielsweise ob ein Nachtflugverbot besteht oder die Flugzeuge der Unternehmensflotte problemlos abgefertigt werden können. Wichtig ist auch die Koordination der Flugzeuge in den sonstigen Slot-Betrieb des Flughafens. Für beide Hub-Arten gilt, dass der Standort in die Netzstrategie und Optimierung des jeweiligen Unternehmens passen muss. Intelligente Netze, die flexibel auf Lastspitzen und Änderungen im Volumenaufkommen sowie verkehrsbedingte Engpässe reagieren können, setzen sich im Vergleich zu den reinrassigen Hub-and-Spoke-Systemen immer stärker durch.

Die Logistiksysteme ändern sich ständig. Für welchen Nutzungszeitraum werden Hubs heute geplant?

Wenn Hubs unter Berücksichtigung aller wichtigen Faktoren geplant und realisiert werden, können sie 20 Jahre und länger effizient genutzt werden. Natürlich sind innerhalb eines solchen Zeitraums Anpassungen erforderlich, zum Beispiel bei der Ident-Technik und den IT-Systemen, um den wandelnden Anforderungen gerecht zu werden. Eine zyklische Modernisierung ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn das Hub über einen solch langen Zeitraum in die Netzstrategie des Betreibers passt.

Herr Dullinger, ich danke Ihnen für das Gespräch. DVZ 17.1.2006 (ben)

Zur Person

Karl-Heinz Dullinger ist Geschäftsführer der Vanderlande Industries GmbH in Mönchengladbach. Er ist seit mehr als 30 Jahren in allen Bereichen der Logistik tätig: vom Vertrieb im In- /Ausland über Planungs- und Entwicklungstätigkeiten bis zum Projektmanagement von Generalunternehmer-Großprojekten. Dullinger ist Vorstandsmitglied in der Bundesvereinigung Logistik und Mitglied des Beirats der VDI-Fachgliederung Fördertechnik, Materialfluss und Logistik".


 
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