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So findet ein Behälter in der Versuchsanlage unseres Instituts
durch einen mitgeführten RFID-Tag automatisch seinen Weg durch das
gesamte, logistische System vom Wareneingang bis zur Zielstelle. Jeder
Behälter kommuniziert über seinen Tag mit sogenannten Agenten
an den jeweiligen Entscheidungsstellen im Materialflusssystem und steuert
so - ganz anders als in der klassischen Steuerungstechnik im Verbund mit
weiteren Behältern das System.
Wird also ein höherer Automatisierungsgrad angestrebt?
Im Gegenteil, die von mir beschriebene Lösung hat sogar einen geringeren
Automatisierungsgrad. So kann für alle Applikationen beziehungsweise
unterschiedliche, fördertechnischen Elemente die gleiche Software
auf den jeweiligen Linux-Server mit minimaler Steuerungsfunktionalität
aufgespielt werden. Zudem hat jeder Antrieb eine eigene Homepage, über
die er angesprochen werden kann beziehungsweise der Gesamtprozess visualisiert
wird. Zwar ist ein einzelner Knoten, beispielsweise eine Weiche mit Linux-Server,
nicht mehr echtzeitfähig. Dennoch sind die mit dem Übertragungsprotokoll
und der Technologie des Internets arbeitenden Systeme schnell genug, um
auch sehr komplexen Materialflüssen zu folgen. Vermutlich im nächsten
Jahr werden bereits die ersten Anwendungen mit einem Siemens Multi-Shuttle-System
und Förderanlagen von Vanderlande Industries umgesetzt.
Mit welchen anderen Mitteln wird die Intralogistik noch optimiert?
Seit einigen Jahren gibt es eine Renaissance manueller Tätigkeiten.
Schließlich ist es einfacher und flexibler, die Ressource Mensch
bei Bedarf in anderen Bereichen einzusetzen, als eine Förderanlage
umzubauen. Dabei werden die Mitarbeiter zunehmend durch Hightech wie Funknetzwerke,
Spracherkennungs- oder Pick-to-light-Systeme unterstützt, für
die trotz einiger Akzeptanzprobleme auch weiterhin eine große Nachfrage
besteht. Parallel dazu versucht man Anlagen so zu gestalten, dass sich
sogar Mitarbeiter einsetzen lassen, die weder schreiben noch lesen können.
Über eine Art Logistik-Esperanto, das heißt, über grafisch
animierte Signets beziehungsweise Piktogramme, die interkulturell gleichermaßen
wahrgenommen werden, lassen sich Arbeitsanweisungen geben. Ohnehin ist
die grafische Unterstützung der Arbeitsabläufe künftig
ein wichtiges Thema. So werden derzeit unter anderem Brillen erprobt,
über die sich Informationen einspielen lassen.
Welche Entwicklungen zeichnen sich in der Fördertechnik ab?
Auf Grund des sehr hohen Preisdrucks geht die Tendenz dahin, in der mechanischen
Fördertechnik einfache und wiederholbare Elemente zu entwickeln beziehungsweise
einzusetzen, die sowohl wartungsfrei als auch einfach zu montieren sind.
Neue Werkstoffe und neue Steuerungstechnik unterstützen diese Entwicklung.
Darüber hinaus zeichnet sich eine Renaissance bei den Robotern ab.
Da deren Kosten in den letzten zehn Jahren mehr als 50 Prozent gefallen
sind, bieten sich neue Einsatzmöglichkeiten zum Beispiel bei der
Palettierung und Kommissionierung in Verbindung mit neuen Greifersystemen
wie dem Traction-Gripper. Zusätzlich steigt die Nachfrage nach Leitständen,
die beispielsweise die dispositive Bestandsplanung verbessern. Dabei wird
versucht, die neuen Möglichkeiten der preiswerten Rechnertechnik
noch stärker zu nutzen. Häufig bewirkt aber auch schon der einfache
weiße Strich auf dem Fußboden eine erhebliche Verbesserung
im Materialfluss.
Also müssen nicht in jedem Fall neue Technologien eingeführt
werden?
Von den Maßnahmen zur Verbesserung der Intralogistik entfallen
auf die Einführung neuer Techniken nur etwa 50 Prozent. Die andere
Hälfte betrifft die Organisation, beispielsweise die Verbesserung
des Datenmanagements, die Einführung von E-Procurement-Systemen,
ECR und ERP-Systemen oder auch die Einführung eines Katalog-Standards.
Zuvor empfiehlt es sich jedoch, zunächst die Datenbasis zu sichten.
Viele Unternehmen sammeln zwar ihre internen Informationen, aber nur wenige
werten sie auch aus.
Welche Vorgehensweise empfehlen Sie?
Am Anfang stehen in der Regel die Standardisierung und eine Planung im
Sinne eines gerichteten Materialflusses. Allein hier bestehen noch große
Optimierungspotenziale. Erst werden die bestehenden Prozesse vom Wareneingang
bis zum Warenausgang oder von der Produktion bis zum Lager näher
betrachtet und je nach Bedarf modelliert, anschließend werden die
informationstechnischen Prozesse untersucht. Die Prozesse von komplexeren
Anlagen werden zudem simuliert und finanziell bewertet. Allerdings braucht
man zur Optimierung eines intralogistischen Prozesses viel Erfahrung.
Zwar werden immer wieder die gleichen Prozesselemente untersucht. In Summe
betrachtet bilden die Einzelprozesse jedoch sehr komplexe Prozessketten
beziehungsweise Systeme, die in der Regel auf den Anwendungsfall zugeschnitten
sind. Das Wichtigste ist aber, die Prozesse überhaupt einmal aufzunehmen
und anhand der Daten zu ermitteln, an welchen Stellen sich die Prozesse
beispielsweise durch standardisierte Datenübertragung, automatische
Buchung oder elektronische Rechnungsstellung vereinfachen lassen. Häufig
sind es die Basis-Elemente, die weiterhelfen. Entscheidend ist auch, dass
beispielsweise Best-Practice-Beispiele bekannt sind.
Wie werden die künftigen Entwicklungen berücksichtigt?
Diskutiert und zum Teil auch schon umgesetzt werden derzeit wandelbare
beziehungsweise adaptive Systeme, die auf die dynamischen Veränderungen
ihrer Umgebung, zum Beispiel der Auftragslast, reagieren. In wandelbaren
Systemen lassen sich beispielsweise maschinenbauliche Elemente des Lagers
oder der Förderanlagen immer wieder anders anordnen oder erweitern,
ohne die Steuerung komplett neu programmieren zu müssen. Voraussetzung
und Basis dafür ist die Modularität der eingesetzten Elemente.
Adaptibilität geht noch einen Schritt darüber hinaus. In adaptiblen
Systemen reagieren sowohl die Soft- als auch die Hardware automatisch
auf veränderte Umgebungsbedingungen und stellen sich darauf ein.
So erfordert ein sechsmaliger Saison-Wechsel der Waren innerhalb eines
Jahres, beispielsweise in der Bekleidungsbranche, immer wieder neue Anpassungen
mit Konsequenzen für das logistische System.
Bedeutet das, solche Systeme passen sich völlig automatisch an?
Gemeint ist die Reaktion des gesamten Unternehmens auf sich dynamisch
verändernde Märkte. Ein System ist dann adaptiv, wenn ein geschlossener
Regelkreis entsteht, also die Ergebnisse wieder einfließen und das
System sich selbstständig neu einstellt beziehungsweise steuert.
Das kann zum Beispiel die einfache Steuerung eines adaptiven Greifers
oder bei einem großen Logistik-System eine automatische Batch-Berechnung
sein, die so flexibel ist, dass sie auf dynamische Eingangsgrößen
so reagiert, dass ein Sorter immer gut ausgelastet ist. Adaptive Systeme
wären die Ideal-Lösung, weil sie alle Möglichkeiten abdecken.
Zur Person
Prof. Dr. Michael ten Hompel (46) ist Inhaber des Lehrstuhls für
Förder- und Lagerwesen an der Universität Dortmund und Institutsleiter
am Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik IML. Er studierte
Elektrotechnik an der RWTH Aachen und promovierte an der Universität
Witten/Herdecke. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist Prof.
ten Hompel auch als Unternehmer tätig gewesen. So gründete er
1988 die GamBit GmbH und führte das Unternehmen, das sich vorrangig
mit der Entwicklung und Realisierung von Warehouse-Management-Systemen
beschäftigt, bis zu seinem Ausscheiden im Februar 2000 als geschäftsführender
Gesellschafter. (DVZ 16.12.2004)
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