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Gleichzeitig wachsen die Artikelsortimente, die Aufträge werden
zwar kleiner, folgen jedoch dichter aufeinander. Bei kleiner werdenden
Margen und absolut steigenden Transport und Logistikkosten suchen die
Unter nehmen nach Entlastungsmöglichkeiten. Häufig wurde bereits
in aufwendige ERP-, Lagerverwaltungs- und Kommissioniersysteme investiert.
Doch Leistung und Effizienz der betrieblichen Logistik lassen sich im
Grunde nur noch durch Prozessoptimierung weiter steigern. Diese spielt
also eine entscheidende Rolle für die Anpassung der Unternehmen an
sich ändernde Marktbedingungen.
Welche Randbedingungen machen eine Prozessoptimierung erforderlich?
Ammermann: Ein Reorganisationsbedarf entgeht häufig durch
das gleichzeitige Zusammenwirken verschiedener Faktoren auf die Abläufe
und Anforderungen an das Unternehmen. Die Einflüsse entwickeln sich
vielfach schleichend über einen längeren Zeitraum und verstärken
sich gegenseitig, bis der Handlungsbedarf erkannt wird. Dies kann zum
Beispiel ein permanentes Umsatzwachstum verbunden mit sich ändernder
Artikel- und Auftragstruktur sowie steigenden kundenspezifischen Anforderungen
sein. Sobald die Prozesse den Änderungen nicht mehr standhalten,
treten verstärkt störende Indikatoren auf. Neben steigenden
Kosten können dies zunehmende Kundenreklamationen auf Grund von Kommissionierfehlem,
unflexible und zu geringe Kommissionierleistungen im Lager oder ein zwar
volles Lager bei gleichzeitig auftretenden Lieferengpässen für
bestimmte Waren sein. Falls zugesagte Termine nicht eingehalten oder gar
nicht erst verlässlich zugesagt werden können, wachsender Termindruck
zu Hektik im Versand führt und Mitarbeiter mit Rückstandsund
Fehlteilmanagement beschäftigt sind, ist eine Prozessoptimierung
unumgänglich.
Welche Prozesse müssen optimiert werden und welche Unternehmensbereiche
sind betroffen?
Ammermann: Grundsätzlich liegt das größte Optimierungspotenzial
bei häufig wiederkehrenden Prozessen, die einen hohen Personal-,
Administrations- oder Organisationsaufwand verursachen. Dies sind im Normalfall
die Hauptprozesse des Unternehmens. Ebenso relevant sind jedoch auch komplexe,
ineinander übergreifende Prozesse, die hohe Kosten verursachen und
Ressourcen binden, wie zum Beispiel ein nicht bedarfsgerechter Bestandsaufbau
durch dispositions- und produktionsbedingte Unschärfen. Prädestiniert
für eine Prozessoptimierung sind die Abläufe in der Kommissionierung
und im Versand. Hier können bereits organisatorische Änderungen
eine deutliche Verbesserung der Prozessabläufe oder der Kapazitätsnutzung
des Lagers bewirken. Sofern die Optimierung sich ausschließlich
auf die Kommissionierstrategien, -verfahren und -techniken beschränkt,
ist lediglich das Lager betroffen. Sobald jedoch die Liefertermine und
die Bestandsverfügbarkeit optimiert werden sollen, werden neben dem
Lager auch der Vertrieb, die Disposition und Arbeitsvorbereitung in die
Prozessoptimierung mit einbezogen.
Welche Daten müssen zuvor erhoben werden?
Ammermann: Die Datenaufnahme und -analyse richtet sich immer nach
der jeweiligen Aufgabenstellung und variiert daher von Fall zu Fall. Der
Umfang und die Art der Datenbeschaffung hängen ferner von der Auswertbarkeit
und Qualität der Daten aus den DV-Systemen der Unternehmen ab. Grundsätzlich
sollten quantitative Daten wie Mengen, Häufigkeiten und Zeiten erfasst
werden und mit qualitativen Aussagen von Mitarbeitern ergänzt werden.
Hieraus ergibt sich eine abgerundete Datenbasis, mit der eine zuverlässige
Analyse möglich sein sollte. Zur Verbesserung der Prozesse in der
Kommissionierung sind zum Beispiel die Auftrags-, Artikel- und Sendungsstruktur
maßgeblich. Es kann jedoch auch eine Zeitaufnahme der einzelnen
Kommissionierschritte wie die Organisations-, Greif-, Weg- und Todzeit
erforderlich werden, um geeignete Lösungsvorschläge besser bewerten
zu können. Bei abteilungsübergreifenden Prozessen sind Informationen
der beteiligten Mitarbeiter in Form eines Brainstorming zum Aufdecken
von Schwachstellen hilfreich.
Wie geht ein Unternehmen, das den Bedarf für eine Prozessoptimierung
erkannt hat am besten vor?
Ammermann: Zunächst sollte das Unternehmen prüfen, ob
der Umfang und die notwendigen Schritte für eine Analyse und Optimierung
mit eigenen Mitarbeitern durchgeführt werden können. Gerade
wenn Prozesse über Abteilungsgrenzen hinweg ablaufen, sind eine hohe
Akzeptanz und das notwendige Fingerspitzengefühl und Durchsetzungsvermögen
des Projektleiters erforderlich. Wenn die Voraussetzungen im Unternehmen
nicht gegeben sind und zusätzlich die Fragestellungen ein sehr spezielles
Know-how erfordern, empfiehlt es sich, einen externen Spezialisten hinzuzuziehen.
Ein Berater kann neutral auftreten und sollte durch Kompetenz und sachliche
Argumentation die Umsetzung der Optimierungsmaßnahmen moderieren.
Zusammen mit dem Berater werden dann die Aufgabenstellung und der Umfang
der Prozessreorganisation definiert sowie ein Maßnahmenplan abgestimmt.
Was ist für den Erfolg der Optimierung entscheidend?
Ammermann: Die Optimierung von Prozessen bedeutet stets einen
Eingriff und die Änderung von bestehenden, vormals bewährten
Abläufen. Veränderungen bedeuten für viele Personen eine
tief greifende Umstellung. Die sorgfältige Vorbereitung und ganzheitliche,
abteilungsübergreifende Betrachtung ist daher nur ein Schlüssel
zum Erfolg. Nach meiner Erfahrung sind die technischen Umstellungen eher
problemlos umzusetzen. Ganz entscheidend hängt der Erfolg hingegen
von der frühen Einbindung der Mitarbeiter und der Moderation des
Vorhabens durch den Projektleiter ab. Nur wenn die Mitarbeiter von den
Maßnahmen überzeugt sind, sind sie motiviert und tragen aktiv
zum Gelingen des Projektes bei.
Welche Kosten entstehen und wann amortisieren sich diese?
Ammermann: Die Kosten einer Prozessoptimierung sind sehr stark
von der Aufgabenstellung und dem Umfang der Reorganisationsmaßnahmen
abhängig. Der Aufwand wird zudem vom Input und der Unterstützung
der verantwortlichen Mitarbeiter sowie eventuell erforderlichen Investitionen
in DV-Anpassungen und Förder- und Lagereinrichtungstechnik beeinflusst.
Es lässt sich somit kein Richtwert angeben. Die Investition sollte
sich jedoch innerhalb eines Jahres, bei Investitionen in Technik innerhalb
von maximal zweieinhalb Jahren amortisieren.
Wie wird sich der Bedarf an Prozessoptimierung zukünftig entwickeln,
wer wird am meisten profitieren?
Ammermann: In den letzten zehn Jahren hat sich in den Unternehmen
ein enormer Wandel vollzogen. Auch kleinere mittelständische Unternehmen
bilden mittlerweile ihre Logistikprozesse in integrierten DV-Systernen
ab. Während bisher die Abläufe maßgeblich vom Organisationsgeschick
einzelner Mitarbeiter abhingen, sind heute für die Prozessmodellierung
hervorragende Voraussetzungen geschaffen. Zusätzlich erkennen die
Unternehmen, dass Rationalisierungspotenziale in der Produktion nahezu
ausgeschöpft der Produktion nahezu ausgeschöpft sind. Die Firmen
beschäftigen sich daher mit den vor- und nachgelagerten Bereichen
Beschaffung, Lager und Versand sowie mit der gesamten Prozesskette und
entdecken dort weitere Rationalisierungspotenziale. Diese Entwicklung
und die erforderlichen Anpassungen auf sich ändernde Marktbedingungen
werden einen weiter steigenden Bedarf an Prozessoptimierung auslösen.
Der Trend wird sich noch verstärken, wenn sich die Optimierung auf
unternehmensübergreifende Prozesse mit Lieferanten und Kunden erstreckt.
ZUR PERSON
Olaf Ammermann ist selbstständiger Logistikberater und Projektleiter.
Nach einem Betriebswirtschaftstudium mit den Schwerpunkten Betriebliche
Logistik und Dienstleistungslogistik sammelte er als Assistent der Betriebsleitung
eines mittelständischen Industrieunternehmens Erfahrungen in der
Lagerwirtschaft und Prozessoptimierung. Seit 1996 ist Ammermann als Logistikberater
und Projektleiter selbstständig. Seine Spezialgebiete sind neben
der Prozessoptimierung in der Beschaffungs- und Distributionslogistik
die Lagerplanung sowie das Lagertuning und die Implementierung von ERP-Systemen.
Er wickelt IT- und Logistikprojekte von der Analyse über die Planung
bis hin zur Realisierung ab.
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