DVZ: Herr Dr. Heidenblut, immer mehr Unternehmen
erneuern ihre Logistikanlagen. Warum ist der Bedarf derzeit so groß?
Heidenblut: Zunächst kann festgehalten werden, dass beim
Jahrtausendwechsel wegen des möglichen technischen Defizits einer
korrekten Zeitumstellung im gesamten Steuerungs- und Rechnerbereich eine
Reengineering-Welle unbekannten Ausmaßes in allen technischen Anlagen
verkraftet werden musste. Viele Unternehmen haben dies dann, weil es unausweichlich
war, als Anlass für eine umfassende Reorganisation hingenommen. Derzeitige
Reengineering-Projekte sind hingegen von den rasanten Veränderungen
der Logistik allgemein geprägt.
DVZ: Welche sind das?
Heidenblut: Funktionell betrachtet sind die ursprüngliche
Systemauslegung sowie das gegenwärtige und künftige Belastungsspektrum
häufig nicht mehr deckungsgleich. Artikel und Artikelsortimente haben
sich verändert und vielfach erheblich erweitert. Auftragsgrößen,
das heißt Stück und Menge je Auftrag und Position reduzieren
sich. Man spricht von Atomisierung der Aufträge" mit der
Folge, dass die Zahl der Aufträge im Verhältnis zum Absatz überproportional
steigt. Im negativen Fall sinkt der Absatz und die Auftragsanzahl steigt
trotzdem. Auch die Kommissionier- und Versandqualität sind gestiegenen
Anforderungen hinsichtlich Lieferzeitpunkt und Vollständigkeit sowie
Art der Verpackung einschließlich Etikettierung und Dokumentation
unterworfen.
DVZ: Woran lässt sich die Notwendigkeit zur Erneuerung erkennen?
Heidenblut: Es gibt verschiedene Signale. Beispielsweise sinken
die Zuverlässigkeit und Funktionssicherheit rapide, Störungen
häufen sich. Das Arbeitsvolumen ist nur mit höherem Personalbestand
oder mit Überstunden zu bewältigen. Reklamationen nehmen zu.
Außenläger müssen angemietet werden, der Krankenstand
steigt. Auch Ersatzteile sind nur schwer oder gar nicht verfügbar.
Qualitätsmerkmale oder -kennziffern, sofern vorhanden, sinken. Durch
einen hohen Anteil an Improvisation und wenig durchstrukturierter Organisation
besteht kaum noch Prozesssicherheit. Im Benchmarking rutscht man auf die
hinteren Plätze.
DVZ: Was soll mit dem Reengineering erreicht werden?
Heidenblut: Hinsichtlich der Leistung wird ein Tuning der mengenbezogenen
Abläufe angestrebt, beispielsweise schnelle und sichere Abwicklung
im Wareneingang, möglichst automatische Erkennung der Zugangseinheiten
oder eine höhere Zahl der Spiele pro Zeiteinheit und Regalbediengerät.
Die Durchsatzleistung der Fördertechnik und die Umschlagrate werden
erhöht, die Kommissionierzeit pro Position wird verkürzt, zugleich
wird die Packleistung erhöht. Ferner sollen mit neuen Anlagen Einzelprozesse
besser abgestimmt und damit eine höhere Sicherheit des gesamten Prozesses
erzielt werden.
DVZ: Lohnen sich diese Maßnahmen bei jeder Anlage?
Heidenblut: Dem Reengineering muss ein umfassender Entscheidungsprozess
vorausgehen, denn im Vorfeld bleibt zu klären, ob die Logistik eine
Kernkompetenz ist und bleiben soll oder nicht besser ein Outsourcing ins
Auge gefasst werden sollte? Mit dem Reengineering stellt man sich ganz
bewusst den neuen Marktanforderungen, nicht nur ein gutes Produkt zu liefern,
sondern - wie gewünscht - dem Kunden auch zur Verfügung zu stellen.
Dies ist nicht nur eine Frage der physischen Verteilung; vielmehr muss
das Beziehungsgefüge zwischen Lieferant und Kunde auf allen Ebenen
beherrscht werden, um am Markt bestehen zu können. Darüber hinaus
stellt sich die Frage nach der Rentabilität einer Reengineering-Maßnahme.
Während ein Logistikzentrum auf der grünen Wiese meist auf einer
strategischen Entscheidung beruht, bei der die Rentabilitätsdauer
bei sieben bis acht Jahren und länger liegen kann, liegt beim Reengineering
meist ein Sachzwang vor, der mit kurzfristigen Amortisationszeiten und
langfristigen Aspekten zu koppeln ist. Hier sind geforderte Amortisationszeiten
von ein bis zwei Jahren nicht ungewöhnlich.
DVZ: Welche Voraussetzungen müssen für eine erfolgreiche
Umsetzung gegeben sein?
Heidenblut: Entscheidend ist nicht allein die technische Machbarkeit,
sondern vor allem die Umsetzbarkeit bei laufendem Betrieb. Wesentliche
Voraussetzungen für den Erfolg sind deshalb eine eingehende Analyse
des Istzustandes, deren Hochrechnung auf einen Planhorizont und eine genaue
Formulierung der Zielsetzung. Alternative Lösungsansätze sollten
hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit per Simulation überprüft
werden. Die Software ist vor Einsatz auf der Baustelle hinsichtlich ihrer
Fehlerfreiheit anhand eines Softwaretests zu überprüfen. Dies
ist eine der wichtigen Maßnahmen im Vorfeld, um das Risiko eines
Scheiterns so niedrig wie möglich zu halten. Das betroffene Personal
ist einzuweisen und vor dem eigentlichen Betriebsbeginn zu schulen. Jede
versäumte oder unzureichend vorgenommene Vorbereitungsmaßnahme
erhöht das Risiko für alle Beteiligten, dass das Projekt nicht
nur mit erhöhten Kosten, sondern mit sich lange hinziehenden Auseinandersetzungen
endet.
DVZ: Was fordern die Kunden, was charakterisiert einen guten Hersteller?
Heidenblut: Mit einer Reengineering-Maßnahme wird meist
auch ein Stück mehr Mechanisierung und Automatisierung installiert.
Mehr Leistung wird jedoch in aller Regel mit einer Einschränkung
an Flexibilität erkauft. Hier eine gute Balance zu erreichen, ist
vornehmliche Aufgabe des Herstellers. Er muss die gesamte Bandbreite heute
üblicher Techniken beherrschen, um auch auf lange Sicht ein anerkannter
und leistungsfähiger Partner zu sein. Ein Hersteller muss als langjähriger
Partner sowohl über Innovationskraft, Marktstärke und Preiswürdigkeit
als auch über einen klaren Marktauftritt verfügen.
DVZ: Wie schätzen Sie den künftigen Bedarf ein?
Heidenblut: Der Bedarf an Reengineering-Leistungen dürfte
sowohl in der Industrie und im Handel als auch bei Dienstleistungen in
den nächsten Jahren noch erheblich steigen. Der größte
Bedarf wird dort zu finden sein, wo die höchsten Leistungsanforderungen
anzutreffen sind, beispielsweise im konsumnahen Bereich, bei Lager- und
Kommissioniersystemen mit hohen Leistungsschwankungen und -anforderungen,
etwa für Modeartikel, E-Commerce und im B2C-Sektor.
DVZ: Herr Dr. Heidenblut, vielen Dank
für das Gespräch.
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