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Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, Dortmund.

Mehr Leistung schränkt die Flexibilität ein



Dr.-Ing. Volker Heidenblut

Viele Logistikanlagen haben Betriebszeiten von 10, 15 und mehr Jahren hinter sich. Neben technischen Aspekten der Abnutzung und der Überalterung sind es besonders funktionelle Aspekte und höhere Leistungsanforderungen, die Unternehmen zu einer Erneuerung ihrer Anlagen veranlassen. DVZ-Autor Armin Hille sprach mit dem auf Logistik spezialisierten Unternehmensberater Dr. Volker Heidenblut darüber, was beim Reengineering zu beachten ist.

DVZ 27.05.2004

DVZ: Herr Dr. Heidenblut, immer mehr Unternehmen erneuern ihre Logistikanlagen. Warum ist der Bedarf derzeit so groß?

Heidenblut: Zunächst kann festgehalten werden, dass beim Jahrtausendwechsel wegen des möglichen technischen Defizits einer korrekten Zeitumstellung im gesamten Steuerungs- und Rechnerbereich eine Reengineering-Welle unbekannten Ausmaßes in allen technischen Anlagen verkraftet werden musste. Viele Unternehmen haben dies dann, weil es unausweichlich war, als Anlass für eine umfassende Reorganisation hingenommen. Derzeitige Reengineering-Projekte sind hingegen von den rasanten Veränderungen der Logistik allgemein geprägt.

DVZ: Welche sind das?

Heidenblut: Funktionell betrachtet sind die ursprüngliche Systemauslegung sowie das gegenwärtige und künftige Belastungsspektrum häufig nicht mehr deckungsgleich. Artikel und Artikelsortimente haben sich verändert und vielfach erheblich erweitert. Auftragsgrößen, das heißt Stück und Menge je Auftrag und Position reduzieren sich. Man spricht von “Atomisierung der Aufträge" mit der Folge, dass die Zahl der Aufträge im Verhältnis zum Absatz überproportional steigt. Im negativen Fall sinkt der Absatz und die Auftragsanzahl steigt trotzdem. Auch die Kommissionier- und Versandqualität sind gestiegenen Anforderungen hinsichtlich Lieferzeitpunkt und Vollständigkeit sowie Art der Verpackung einschließlich Etikettierung und Dokumentation unterworfen.

DVZ: Woran lässt sich die Notwendigkeit zur Erneuerung erkennen?

Heidenblut: Es gibt verschiedene Signale. Beispielsweise sinken die Zuverlässigkeit und Funktionssicherheit rapide, Störungen häufen sich. Das Arbeitsvolumen ist nur mit höherem Personalbestand oder mit Überstunden zu bewältigen. Reklamationen nehmen zu. Außenläger müssen angemietet werden, der Krankenstand steigt. Auch Ersatzteile sind nur schwer oder gar nicht verfügbar. Qualitätsmerkmale oder -kennziffern, sofern vorhanden, sinken. Durch einen hohen Anteil an Improvisation und wenig durchstrukturierter Organisation besteht kaum noch Prozesssicherheit. Im Benchmarking rutscht man auf die hinteren Plätze.

DVZ: Was soll mit dem Reengineering erreicht werden?

Heidenblut: Hinsichtlich der Leistung wird ein Tuning der mengenbezogenen Abläufe angestrebt, beispielsweise schnelle und sichere Abwicklung im Wareneingang, möglichst automatische Erkennung der Zugangseinheiten oder eine höhere Zahl der Spiele pro Zeiteinheit und Regalbediengerät. Die Durchsatzleistung der Fördertechnik und die Umschlagrate werden erhöht, die Kommissionierzeit pro Position wird verkürzt, zugleich wird die Packleistung erhöht. Ferner sollen mit neuen Anlagen Einzelprozesse besser abgestimmt und damit eine höhere Sicherheit des gesamten Prozesses erzielt werden.

DVZ: Lohnen sich diese Maßnahmen bei jeder Anlage?

Heidenblut: Dem Reengineering muss ein umfassender Entscheidungsprozess vorausgehen, denn im Vorfeld bleibt zu klären, ob die Logistik eine Kernkompetenz ist und bleiben soll oder nicht besser ein Outsourcing ins Auge gefasst werden sollte? Mit dem Reengineering stellt man sich ganz bewusst den neuen Marktanforderungen, nicht nur ein gutes Produkt zu liefern, sondern - wie gewünscht - dem Kunden auch zur Verfügung zu stellen. Dies ist nicht nur eine Frage der physischen Verteilung; vielmehr muss das Beziehungsgefüge zwischen Lieferant und Kunde auf allen Ebenen beherrscht werden, um am Markt bestehen zu können. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Rentabilität einer Reengineering-Maßnahme. Während ein Logistikzentrum auf der grünen Wiese meist auf einer strategischen Entscheidung beruht, bei der die Rentabilitätsdauer bei sieben bis acht Jahren und länger liegen kann, liegt beim Reengineering meist ein Sachzwang vor, der mit kurzfristigen Amortisationszeiten und langfristigen Aspekten zu koppeln ist. Hier sind geforderte Amortisationszeiten von ein bis zwei Jahren nicht ungewöhnlich.

DVZ: Welche Voraussetzungen müssen für eine erfolgreiche Umsetzung gegeben sein?

Heidenblut: Entscheidend ist nicht allein die technische Machbarkeit, sondern vor allem die Umsetzbarkeit bei laufendem Betrieb. Wesentliche Voraussetzungen für den Erfolg sind deshalb eine eingehende Analyse des Istzustandes, deren Hochrechnung auf einen Planhorizont und eine genaue Formulierung der Zielsetzung. Alternative Lösungsansätze sollten hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit per Simulation überprüft werden. Die Software ist vor Einsatz auf der Baustelle hinsichtlich ihrer Fehlerfreiheit anhand eines Softwaretests zu überprüfen. Dies ist eine der wichtigen Maßnahmen im Vorfeld, um das Risiko eines Scheiterns so niedrig wie möglich zu halten. Das betroffene Personal ist einzuweisen und vor dem eigentlichen Betriebsbeginn zu schulen. Jede versäumte oder unzureichend vorgenommene Vorbereitungsmaßnahme erhöht das Risiko für alle Beteiligten, dass das Projekt nicht nur mit erhöhten Kosten, sondern mit sich lange hinziehenden Auseinandersetzungen endet.

DVZ: Was fordern die Kunden, was charakterisiert einen guten Hersteller?

Heidenblut: Mit einer Reengineering-Maßnahme wird meist auch ein Stück mehr Mechanisierung und Automatisierung installiert. Mehr Leistung wird jedoch in aller Regel mit einer Einschränkung an Flexibilität erkauft. Hier eine gute Balance zu erreichen, ist vornehmliche Aufgabe des Herstellers. Er muss die gesamte Bandbreite heute üblicher Techniken beherrschen, um auch auf lange Sicht ein anerkannter und leistungsfähiger Partner zu sein. Ein Hersteller muss als langjähriger Partner sowohl über Innovationskraft, Marktstärke und Preiswürdigkeit als auch über einen klaren Marktauftritt verfügen.

DVZ: Wie schätzen Sie den künftigen Bedarf ein?

Heidenblut: Der Bedarf an Reengineering-Leistungen dürfte sowohl in der Industrie und im Handel als auch bei Dienstleistungen in den nächsten Jahren noch erheblich steigen. Der größte Bedarf wird dort zu finden sein, wo die höchsten Leistungsanforderungen anzutreffen sind, beispielsweise im konsumnahen Bereich, bei Lager- und Kommissioniersystemen mit hohen Leistungsschwankungen und -anforderungen, etwa für Modeartikel, E-Commerce und im B2C-Sektor.

DVZ: Herr Dr. Heidenblut, vielen Dank für das Gespräch.

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