| Die Planung von Logistikzentren hat gegenwärtig
und sicherlich in der Zukunft noch verstärkt viele Randbedingungen
und Forderungen zu beachten, um das Ziel einer optimalen Systemfindung
unter technischen, wirtschaftlichen, organisatorischen und gesamtbetrieblichen
Bedingungen umsetzen zu können. Damit kann eine Planung nicht das Werk
eines Einzelnen sein, sondern der Erfolg besteht in der gekonnten Verknüpfung
unterschiedlichster Fachdisziplinen. Weiterhin ist eine Tendenz zu beachten,
dass mit der Zunahme des Planungsumfanges beziehungsweise Größe
und Komplexität eines Logistikzentrums die Forderungen hinsichtlich
Budget- und Terminplaneinhaltung immer stringenter werden. Unschärferelationen
zwischen Planung und Realisierung sind weniger zulässig als früher.
Außer der unbedingten Fachkompetenz des Planers ist auch ein umfangreiches
und auf die jeweilige Aufgabenstellung zugeschnittenes Methoden-Instrumentarium
erforderlich.
Heißt das, die Planungsmethodik hat sich grundsätzlich
verändert?
In der Planungsmethodik hat sich vieles erst im Laufe der Jahre entwickelt
und etabliert. Dazu gehören die Gliederung der Planungs- und Realisierungsphasen
sowie die Simulation zur Planungsunterstützung und -überprüfung.
Bisher wurde die Technik, besonders in der Anfangsphase der Materialflussplanung,
für die physische Abläufe detailliert diskutiert und verglichen,
beispielsweise die Rollenteilung, Kettenabtragung und Palettenführung.
Themen wie Sicherheitstechnik, Bestandsführung, Organisation und
Personaleinsatz umfassten eher einen geringen Zeitanteil an der Planung.
Die gegenwärtige Planung ist erheblich mehr durch Informations- und
Datentechnik geprägt. Das gilt sowohl im innerbetrieblichen Bereich,
besonders bei der Integration in vorhandene IT-Strukturen, als auch in
Zusammenhang mit einer direkten Verbindung zu Lieferanten und Auftraggebern,
die teilweise bereits im web basierten Online-Datenaustausch geschieht.
Steht also heute die Planung der Informationstechnik im Zentrum?
Heute ist eine streng hierarchisch strukturierte Rechner- und Steuerungsarchitektur
in der Regel gegeben. Ein Materialflussrechner (MFR) fasst die Steuerungsaufgaben
zusammen und arbeitet unterhalb des Lagerverwaltungsrechners. Er erfüllt
die übergeordneten Optimierungs- und Bestandsführungsaufgaben
und ist einem ERP-System untergeordnet. Ihren spezifischen Anforderungen
entsprechend sind die Ebenen hinsichtlich Performance und Prozessfunktion
ausgelegt. Folgt man den Bestrebungen der SAP-Welt, so wird immer weiter
versucht, prozessnahe Funktionen in die übergeordnete ERP-Ebene zu
integrieren. Ziel ist eine möglichst homogene und flache Rechnerstruktur.
Wie beurteilen Sie in diesem Kontext Themen wie Tracking and Tracing,
Rückverfolgbarkeit und Leitstandfunktionen?
Die beiden erstgenannten Begriffe signalisieren anschaulich, wie
sich die Verantwortung eines Unternehmens auf der Ebene der Logistik überdie
eigenen Grenzen hinaus entwickelt hat. Tracking und Tracing sowie Rückverfolgbarkeit
zeigen dabei fließende Übergänge. Sie können in vielen
Fällen auch gleichgesetzt werden. Die Rückverfolgbarkeit stellt
erhebliche Anforderungen an die Dokumentation und -Archivierung. Sie muss
auch über das IT-System abgedeckt werden. Im Falle einer Rückrufaktion
ist natürlich die Verfolgbarkeit der Produkte bis zum Kunden besonders
wichtig, um in einem möglichst engen Bereich eine Charge herausfiltern
und lokalisieren zu können. Verantwortungsbewusste Hersteller im
Lebensmittelbereich haben im Übrigen dieses Thema bereits vor Einführung
der gesetzlichen Regelung intensiv behandelt. Rückverfolgbarkeit
für Kunden und natürlich für Hersteller zu ihren Vorlieferanten
gewinnt vor dem Hintergrund der jüngsten Unregelmäßigkeiten
bei der Lebensmittelüberwachung öffentliche Brisanz und Aufmerksamkeit.
An sich müsste jede Lieferkette offen und nachvollziehbar sein.
Welche Rolle kommen Leitständen zu?
Hinsichtlich der vielfältigen Aufgaben der internen und externen
Logistik gewinnen auch Leitstände zunehmend an Gewicht. Diese können
kurzfristig und umfassend auf sich abzeichnende Entwicklungen reagieren
und bei unvorhersehbaren Ereignissen schnell eine Entscheidung treffen,
die mögliche Schäden verhindert oder begrenzt. Denn eine ausgefeilte
EDV-Unterstützung ist zwar für alle Prozesse eine notwendige,
aber nicht hinreichende Bedingung und Basis. So muss ein Leitstand immer
und umfassend auf aktuelle Daten zurückgreifen und darauf reagieren
können. Wie und in welchem Umfang diese Cockpit-Funktion erfüllt
werden kann oder muss, ist im Planungsstadium nicht immer eindeutig definierbar.
Das gilt besonders für die Gestaltung der Lagerverwaltungssoftware.
Spielt das aktuelle Thema Radiofrequenztechnik (RFID) eine ebenso
wichtige Rolle?
Natürlich muss sich ein Planer mit dieser Technik auseinandersetzen.
Wann das Internet der Dinge allgemein als Alternative zur heutigen Steuerungstechnik
in die Lagersysteme Einzug halten wird, ist dagegen offen. Eher ist davon
auszugehen, dass damit ein Ersatz oder zunächst eine Ergänzung
zum bestehenden Barcode gegeben ist. Und dies immer gekoppelt mit der
Forderung nach wirtschaftlichen Lösungen oder im "Schlepptau"
übergeordneter Supply-Chain-Forderungen, weil es der Kunde so will.
Einzelne Insellösungen, die zu beachtlichen Verbesserungen führen,
sind auch heute schon realisiert. Weil RFID mit der IT-Technik sehr verzahnt
ist, wird das Thema künftig überproportional an Bedeutung gewinnen.
Welche Entwicklungen zeichnen sich außer der Informationstechnik
in der Lagertechnik ab?
Das automatische Hochregallager in konventioneller Funktionsweise
wird auch weiterhin den Markt dominieren. Im Vordergrund stehen dabei
die Leistungsdaten einer Anlage. Das heißt, die Spielzahlen und
damit die Umschlaghäufigkeit steigen auch bei größeren
Lägern. Denn mit dem Trend zur Zentralisierung erhöhen sich
nicht nur die Lagerkapazitäten. Die Waren müssen auch schneller
umgeschlagen und ausgeliefert werden. Während früher 10000 Palettenplätze
schon eine beachtliche Zahl waren, dürfte heute eher ein Logistikzentrum
mit 30 000 Plätzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Um einen guten
Kompromiss zwischen hoher Leistung und einem trotzdem verbesserten Raumnutzungsgrad
gegenüber dem einfach tiefen Lager zu erreichen, wird zunehmend die
doppelttiefe Lagerung angewandt.
Gilt das auch für Automatische Kleintelleiager (AKL)?
Auch bei diesen werden die Leistungen immer höher geschraubt.
120 Spiele pro Stunde sind heute üblich. Dabei verweist das Behälterlager
das klassische Tablarlager immer weiter auf die hinteren Ränge. Als
neues System wird zudem das Shuttle-Lager, das gegenwärtig von zwei
Marktführern angeboten wird, in die Planungsüberlegungen einzubeziehen
sein. Gegenüber dem klassischen AKL bietet es eine Reihe weiterer
Aspekte, beispielsweise die Fahrt des Shuttle über den unmittelbaren
Lagerbereich hinaus zur Aufnahme und Abgabe von Behältern.
Die technischen Lösungen sind das Eine. Was müssen Sie beim
Personal und bei der Organisation berücksichtigen?
Sorge bereitet zum Beispiel den Betreibern von Logistikanlagen, wie
trotz verringerter Mitarbeiterzahl - dies ist immer ein Ergebnis von Neubau-
oder ReengineeringMaßnahmen - Leistung und Prozesssicherheit gewährleistet
werden können. Darüber hinaus wird diskutiert, welche Ausbildungsund
Qualifizierungsmaßnahmen erforderlich sind und wie das Personal
nach Bedarf und nicht nur nach einer rein zeitlichen Regelung eingesetzt
werden kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Qualität der Lieferungen.
Angestrebt wird eine Fehlerrate im "Parts-per-million"-Bereich.
Wie sich solche Aspekte im Vorfeld klären lassen und wie sich der
Personalstamm langfristig zusammensetzen soll, beispielsweise aus Voll-
und Teilzeitkräften, externen Hilfskräften oder ausgelagerten
Tätigkeiten, das bestimmt derzeit die Diskussion. Und nicht zuletzt
mit welchem Entgelt-System leistungsdifferenziert entlohnt werden kann.
Was bedeuten alle diese Aspekte zusammengefasst für den Planer?
Der Planer muss versuchen, aus vielen Aspekten eine langfristig belastbare
Lösung zu finden, besonders hinsichtlich der Informationstechnik.
Dazu zählen hohe Performance-Anforderungen ebenso wie die Frage,
weicher Lieferant auch langfristig der geeignete Partner für den
Betreiber ist. Ferner, ob ein Generalunternehmer gewählt werden sollte
oder mehrere spezialisierte Anbietet. Weiterhin ist im Vorfeld eindeutig
zu klären, ob die Logistik eine Kernkompetenz für ein Unternehmen
bleiben soll oder nicht. Da auf diesem Gebiet auch künftig Unsicherheit
bestehen wird, denn es gibt hier keinen Königsweg, nehmen diese Fragen
in der Planungsphase überproportional Aufmerksamkeit in Anspruch.
Herr Dr. Heidenblut, vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person Dr. Volker Heidenblut
Als Wirtschaftsingenieur promovierte Volker Heidenblut 1978 am Lehrstuhl,für
Förder- und Lagerwesen der Universität in Dortmund bei Prof.
Reinhard Jünemann. Heidenblut trat als geschäftsführender
Gesellschafter in die VES Planungsgesellschaft für Transport- und
Lagersysteme in Dortmund ein. Seit 2002 ist er Geschäftsführer
der auf Projektentwicklung und Logistik spezialisierten HBP Dr. Heidenblut
und Benthaus GmbH in Kamen.
Unternehmens-Portrait
HBP
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