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Das Internet der Dinge


Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, Dortmund.

IT prägt die Planung


Dr.-Ing. Volker Heidenblut
DVZ 29.12.2005

Die Anforderungen an zeitgemäße Logistikzentren steigen. Gründe sind Kostendruck, Zentralisierungs-bestrebungen, Globalisierung und verändertes Kundenverhalten. Mit Dr. Volker Heidenblut sprach DVZ-Mitarbeiter Armin Hille.

Herr Dr. Heidenblut, wie müssen Logistikzentren künftig geplant werden, um auch mittel- und langfristig alle Anforderungen zu erfüllen?
Die Planung von Logistikzentren hat gegenwärtig und sicherlich in der Zukunft noch verstärkt viele Randbedingungen und Forderungen zu beachten, um das Ziel einer optimalen Systemfindung unter technischen, wirtschaftlichen, organisatorischen und gesamtbetrieblichen Bedingungen umsetzen zu können. Damit kann eine Planung nicht das Werk eines Einzelnen sein, sondern der Erfolg besteht in der gekonnten Verknüpfung unterschiedlichster Fachdisziplinen. Weiterhin ist eine Tendenz zu beachten, dass mit der Zunahme des Planungsumfanges beziehungsweise Größe und Komplexität eines Logistikzentrums die Forderungen hinsichtlich Budget- und Terminplaneinhaltung immer stringenter werden. Unschärferelationen zwischen Planung und Realisierung sind weniger zulässig als früher. Außer der unbedingten Fachkompetenz des Planers ist auch ein umfangreiches und auf die jeweilige Aufgabenstellung zugeschnittenes Methoden-Instrumentarium erforderlich.

Heißt das, die Planungsmethodik hat sich grundsätzlich verändert?

In der Planungsmethodik hat sich vieles erst im Laufe der Jahre entwickelt und etabliert. Dazu gehören die Gliederung der Planungs- und Realisierungsphasen sowie die Simulation zur Planungsunterstützung und -überprüfung. Bisher wurde die Technik, besonders in der Anfangsphase der Materialflussplanung, für die physische Abläufe detailliert diskutiert und verglichen, beispielsweise die Rollenteilung, Kettenabtragung und Palettenführung. Themen wie Sicherheitstechnik, Bestandsführung, Organisation und Personaleinsatz umfassten eher einen geringen Zeitanteil an der Planung. Die gegenwärtige Planung ist erheblich mehr durch Informations- und Datentechnik geprägt. Das gilt sowohl im innerbetrieblichen Bereich, besonders bei der Integration in vorhandene IT-Strukturen, als auch in Zusammenhang mit einer direkten Verbindung zu Lieferanten und Auftraggebern, die teilweise bereits im web basierten Online-Datenaustausch geschieht.

Steht also heute die Planung der Informationstechnik im Zentrum?

Heute ist eine streng hierarchisch strukturierte Rechner- und Steuerungsarchitektur in der Regel gegeben. Ein Materialflussrechner (MFR) fasst die Steuerungsaufgaben zusammen und arbeitet unterhalb des Lagerverwaltungsrechners. Er erfüllt die übergeordneten Optimierungs- und Bestandsführungsaufgaben und ist einem ERP-System untergeordnet. Ihren spezifischen Anforderungen entsprechend sind die Ebenen hinsichtlich Performance und Prozessfunktion ausgelegt. Folgt man den Bestrebungen der SAP-Welt, so wird immer weiter versucht, prozessnahe Funktionen in die übergeordnete ERP-Ebene zu integrieren. Ziel ist eine möglichst homogene und flache Rechnerstruktur.

Wie beurteilen Sie in diesem Kontext Themen wie Tracking and Tracing, Rückverfolgbarkeit und Leitstandfunktionen?

Die beiden erstgenannten Begriffe signalisieren anschaulich, wie sich die Verantwortung eines Unternehmens auf der Ebene der Logistik überdie eigenen Grenzen hinaus entwickelt hat. Tracking und Tracing sowie Rückverfolgbarkeit zeigen dabei fließende Übergänge. Sie können in vielen Fällen auch gleichgesetzt werden. Die Rückverfolgbarkeit stellt erhebliche Anforderungen an die Dokumentation und -Archivierung. Sie muss auch über das IT-System abgedeckt werden. Im Falle einer Rückrufaktion ist natürlich die Verfolgbarkeit der Produkte bis zum Kunden besonders wichtig, um in einem möglichst engen Bereich eine Charge herausfiltern und lokalisieren zu können. Verantwortungsbewusste Hersteller im Lebensmittelbereich haben im Übrigen dieses Thema bereits vor Einführung der gesetzlichen Regelung intensiv behandelt. Rückverfolgbarkeit für Kunden und natürlich für Hersteller zu ihren Vorlieferanten gewinnt vor dem Hintergrund der jüngsten Unregelmäßigkeiten bei der Lebensmittelüberwachung öffentliche Brisanz und Aufmerksamkeit. An sich müsste jede Lieferkette offen und nachvollziehbar sein.

Welche Rolle kommen Leitständen zu?

Hinsichtlich der vielfältigen Aufgaben der internen und externen Logistik gewinnen auch Leitstände zunehmend an Gewicht. Diese können kurzfristig und umfassend auf sich abzeichnende Entwicklungen reagieren und bei unvorhersehbaren Ereignissen schnell eine Entscheidung treffen, die mögliche Schäden verhindert oder begrenzt. Denn eine ausgefeilte EDV-Unterstützung ist zwar für alle Prozesse eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung und Basis. So muss ein Leitstand immer und umfassend auf aktuelle Daten zurückgreifen und darauf reagieren können. Wie und in welchem Umfang diese Cockpit-Funktion erfüllt werden kann oder muss, ist im Planungsstadium nicht immer eindeutig definierbar. Das gilt besonders für die Gestaltung der Lagerverwaltungssoftware.

Spielt das aktuelle Thema Radiofrequenztechnik (RFID) eine ebenso wichtige Rolle?

Natürlich muss sich ein Planer mit dieser Technik auseinandersetzen. Wann das Internet der Dinge allgemein als Alternative zur heutigen Steuerungstechnik in die Lagersysteme Einzug halten wird, ist dagegen offen. Eher ist davon auszugehen, dass damit ein Ersatz oder zunächst eine Ergänzung zum bestehenden Barcode gegeben ist. Und dies immer gekoppelt mit der Forderung nach wirtschaftlichen Lösungen oder im "Schlepptau" übergeordneter Supply-Chain-Forderungen, weil es der Kunde so will. Einzelne Insellösungen, die zu beachtlichen Verbesserungen führen, sind auch heute schon realisiert. Weil RFID mit der IT-Technik sehr verzahnt ist, wird das Thema künftig überproportional an Bedeutung gewinnen.

Welche Entwicklungen zeichnen sich außer der Informationstechnik in der Lagertechnik ab?

Das automatische Hochregallager in konventioneller Funktionsweise wird auch weiterhin den Markt dominieren. Im Vordergrund stehen dabei die Leistungsdaten einer Anlage. Das heißt, die Spielzahlen und damit die Umschlaghäufigkeit steigen auch bei größeren Lägern. Denn mit dem Trend zur Zentralisierung erhöhen sich nicht nur die Lagerkapazitäten. Die Waren müssen auch schneller umgeschlagen und ausgeliefert werden. Während früher 10000 Palettenplätze schon eine beachtliche Zahl waren, dürfte heute eher ein Logistikzentrum mit 30 000 Plätzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Um einen guten Kompromiss zwischen hoher Leistung und einem trotzdem verbesserten Raumnutzungsgrad gegenüber dem einfach tiefen Lager zu erreichen, wird zunehmend die doppelttiefe Lagerung angewandt.

Gilt das auch für Automatische Kleintelleiager (AKL)?

Auch bei diesen werden die Leistungen immer höher geschraubt. 120 Spiele pro Stunde sind heute üblich. Dabei verweist das Behälterlager das klassische Tablarlager immer weiter auf die hinteren Ränge. Als neues System wird zudem das Shuttle-Lager, das gegenwärtig von zwei Marktführern angeboten wird, in die Planungsüberlegungen einzubeziehen sein. Gegenüber dem klassischen AKL bietet es eine Reihe weiterer Aspekte, beispielsweise die Fahrt des Shuttle über den unmittelbaren Lagerbereich hinaus zur Aufnahme und Abgabe von Behältern.

Die technischen Lösungen sind das Eine. Was müssen Sie beim Personal und bei der Organisation berücksichtigen?

Sorge bereitet zum Beispiel den Betreibern von Logistikanlagen, wie trotz verringerter Mitarbeiterzahl - dies ist immer ein Ergebnis von Neubau- oder ReengineeringMaßnahmen - Leistung und Prozesssicherheit gewährleistet werden können. Darüber hinaus wird diskutiert, welche Ausbildungsund Qualifizierungsmaßnahmen erforderlich sind und wie das Personal nach Bedarf und nicht nur nach einer rein zeitlichen Regelung eingesetzt werden kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Qualität der Lieferungen. Angestrebt wird eine Fehlerrate im "Parts-per-million"-Bereich. Wie sich solche Aspekte im Vorfeld klären lassen und wie sich der Personalstamm langfristig zusammensetzen soll, beispielsweise aus Voll- und Teilzeitkräften, externen Hilfskräften oder ausgelagerten Tätigkeiten, das bestimmt derzeit die Diskussion. Und nicht zuletzt mit welchem Entgelt-System leistungsdifferenziert entlohnt werden kann.

Was bedeuten alle diese Aspekte zusammengefasst für den Planer?

Der Planer muss versuchen, aus vielen Aspekten eine langfristig belastbare Lösung zu finden, besonders hinsichtlich der Informationstechnik. Dazu zählen hohe Performance-Anforderungen ebenso wie die Frage, weicher Lieferant auch langfristig der geeignete Partner für den Betreiber ist. Ferner, ob ein Generalunternehmer gewählt werden sollte oder mehrere spezialisierte Anbietet. Weiterhin ist im Vorfeld eindeutig zu klären, ob die Logistik eine Kernkompetenz für ein Unternehmen bleiben soll oder nicht. Da auf diesem Gebiet auch künftig Unsicherheit bestehen wird, denn es gibt hier keinen Königsweg, nehmen diese Fragen in der Planungsphase überproportional Aufmerksamkeit in Anspruch.

Herr Dr. Heidenblut, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person Dr. Volker Heidenblut
Als Wirtschaftsingenieur promovierte Volker Heidenblut 1978 am Lehrstuhl,für Förder- und Lagerwesen der Universität in Dortmund bei Prof. Reinhard Jünemann. Heidenblut trat als geschäftsführender Gesellschafter in die VES Planungsgesellschaft für Transport- und Lagersysteme in Dortmund ein. Seit 2002 ist er Geschäftsführer der auf Projektentwicklung und Logistik spezialisierten HBP Dr. Heidenblut und Benthaus GmbH in Kamen.

Unternehmens-Portrait HBP



 
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